Der böse Blick im Islam – was Kinder wirklich schützt
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Bismillah.
Es hängt am Kinderwagen, am Autospiegel, an der Wohnungstür: das kleine blaue Auge. Meistens ist es ein Geschenk – von der Oma, der Nachbarin, der Tante. Von jemandem, der es gut meint und dein Kind beschützen will.
Und genau das macht die Frage so unangenehm. Denn wer sie stellt, stellt nicht nur eine religiöse Frage, sondern rührt an eine Familienbeziehung.
Fangen wir deshalb dort an, wo es wichtig ist.
Ja, den bösen Blick gibt es wirklich
Das ist kein Aberglaube, den man Kindern ausreden müsste. Der Prophet ﷺ sagte: „Der böse Blick ist wahr.“ (Sahih al-Bukhari 5740, Sahih Muslim 2187)
Aischa (radiya Allahu anha) berichtete, dass der Prophet ﷺ ihr auftrug, Ruqya gegen den bösen Blick zu suchen. (Sahih al-Bukhari 5738)
Auch der Quran spricht davon. Über die Ungläubigen heißt es: Und sie würden dich wahrlich beinahe mit ihren Blicken ins Straucheln bringen (Sure al-Qalam, 68:51). Die Gelehrten führen diesen Vers als Beleg dafür an, dass ein Blick tatsächlich Schaden anrichten kann.
Wer das also für Einbildung hält, liegt falsch. Der Islam nimmt diese Sache ernst – er löst sie nur anders, als es der Volksglaube tut.
Was dahintersteckt: Neid, nicht Magie
Der böse Blick entsteht aus Neid. Jemand sieht etwas Schönes – ein gesundes Kind, ein neues Auto, eine gelungene Prüfung – und in seinem Herzen regt sich etwas, das dem anderen das Gute nicht gönnt.
Das Erschreckende daran: Es muss nicht einmal böse Absicht dahinterstecken. Es gibt eine Begebenheit, die das genau zeigt.
Amir ibn Rabia sah Sahl ibn Hunayf (radiya Allahu anhuma) beim Waschen und sagte bewundernd, er habe noch nie eine so schöne Haut gesehen. Sahl fiel daraufhin um und wurde ohnmächtig. Man brachte ihn zum Propheten ﷺ, der fragte: „Weswegen tötet einer von euch seinen Bruder? Warum hast du nicht um Segen gebeten?“ Dann ließ er Amir sich waschen und das Wasser über Sahl gießen. (Muwatta Malik, Sunan Ibn Madscha 3509, sahih)
Amir war kein böser Mensch. Er hat ehrlich bewundert. Und trotzdem ist Schaden entstanden – weil ein Wort fehlte.
Zwei Worte, und der Unterschied dazwischen
Hier lohnt es sich, genau hinzuschauen, denn die beiden Ausdrücke werden oft vertauscht.
Wenn du bei einem anderen etwas Schönes siehst: Tabarakallah oder barakallahu fik. Genau das ist es, was dem Sahabi Amir gefehlt hat – der Prophet ﷺ fragte ihn: „Warum hast du nicht um Segen gebeten?“
Wenn du bei dir selbst etwas Schönes siehst: MaschaAllah. Das steht so im Quran. In Sure al-Kahf betritt ein Mann seinen eigenen Garten und ist stolz darauf, und ihm wird gesagt: Wärst du doch, als du deinen Garten betratst, gesagt: MaschaAllah, es gibt keine Kraft außer durch Allah (18:39). Der Mann verlor den Garten – weil er das Gute sich selbst zuschrieb.
Beides bringst du deinem Kind bei: Tabarakallah, wenn es das neue Fahrrad des Freundes bewundert. MaschaAllah, wenn es sein eigenes Zeugnis anschaut.
Was dein Kind wirklich schützt
Der Schutz kommt aus dem Quran und aus der Sunnah, nicht aus Glas und Perlen.
Die Dua, mit der der Prophet ﷺ seine Enkel schützte. Er sprach sie über Hasan und Husain (radiya Allahu anhuma):
Uidhukuma bi kalimatillahit-tammati min kulli schaitanin wa hammah, wa min kulli ainin lammah.
„Ich suche für euch beide Zuflucht bei den vollkommenen Worten Allahs vor jedem Schaitan und Ungeziefer und vor jedem bösen Blick.“ (Sahih al-Bukhari 3371)
Für ein Kind: dieselbe Dua, nur im Singular – Uidhuka für einen Jungen, Uidhuki für ein Mädchen.
Weitere Bittgebete für Schutz, Gesundheit und den Alltag findest du in unserem Dua-Buch mit über 150 authentischen Bittgebeten.
Ayat al-Kursi, morgens, abends und vor dem Schlafen. Wer sie beim Schlafengehen spricht, über dem bleibt ein Beschützer von Allah bis zum Morgen. → Ayat al-Kursi kinderleicht erklärt
Die drei Quls – al-Ikhlas, al-Falaq und an-Nas. Sure al-Falaq nennt den Neider ausdrücklich beim Namen. → Sure al-Ikhlas kinderleicht erklärt
Die Morgen- und Abend-Adhkar, allen voran der Satz, bei dessen Sprechen nichts auf der Erde und nichts im Himmel schaden kann. → Dhikr im Islam
Das ist der ganze Unterschied: Amulette hängt man auf und vergisst sie. Diese Worte spricht dein Kind selbst – jeden Tag, ein Leben lang.
Und was ist mit dem blauen Auge?
Hier wird es deutlich, und ich sage es lieber klar als nebulös.
Der Prophet ﷺ sagte: „Wer ein Amulett trägt, hat Schirk begangen.“ In der Überlieferung dazu kam eine Gruppe zu ihm, und er nahm das Treuegelöbnis von neun Männern an, von einem aber nicht. Auf die Frage warum antwortete er, dieser trage ein Amulett. Der Mann nahm es ab – dann erst nahm der Prophet ﷺ sein Gelöbnis an. (Musnad Ahmad 16969, von al-Albani in as-Silsila as-Sahiha 492 als sahih eingestuft)
Der Grund ist nicht, dass ein Stück Glas gefährlich wäre. Der Grund ist, worauf sich das Herz verlässt. Wer glaubt, dass ein Gegenstand schützt, hat einen Teil dessen, was allein Allah zusteht, an etwas Erschaffenes gegeben. Und genau das ist der Gegensatz zu allem, was wir unseren Kindern über den Tauhid beibringen. → Wer ist Allah? Tauhid kinderleicht erklärt
Ein Hinweis zur Vollständigkeit: Über Amulette, die Quranverse enthalten, gibt es unter den Gelehrten Meinungsverschiedenheiten. Über Perlen, blaue Augen, Hufeisen und Ähnliches gibt es keine – die sind unstrittig nicht erlaubt. Der sichere Weg ist deshalb, ganz darauf zu verzichten.
Wenn die Oma das blaue Auge schenkt
Das ist die eigentliche Frage, und sie ist keine theologische, sondern eine familiäre. Aber eines vorweg: Es geht hier nicht um Geschmack oder Familienfrieden, sondern um Schirk. Deshalb weichen wir von der Wahrheit nicht ab – wir tragen sie nur so vor, dass sie ankommt. Und vergiss nicht, worum es dabei wirklich geht: Du willst nicht recht behalten. Du willst nicht, dass deine Mutter oder deine Schwiegermutter in etwas hineingerät, das ihr selbst schadet.
Geh nicht über das Motiv hinweg. Wer dir das schenkt, will dein Kind beschützen. Das ist Liebe, auch wenn das Mittel falsch ist. Fang dort an: „Danke, dass du an ihn denkst.“
Dann stell die eine Frage, die alles klärt. Nicht als Vorwurf, sondern echt gefragt: „Glaubst du, Allah kann ihn beschützen – oder dieser Gegenstand?“ Fast niemand antwortet darauf mit dem Gegenstand. Und genau da liegt die Öffnung.
Bau ihr eine Brücke, statt ihr etwas wegzunehmen. „Wenn du ihn beschützen willst – lass uns zusammen Dua für ihn machen. Das ist alles, was er braucht.“ Damit nimmst du niemandem den Wunsch, sondern gibst ihm das richtige Mittel.
Und wenn jemand sagt, es sei doch nur Tradition: Erzähl die Geschichte von Dhat Anwat. Auf dem Weg nach Hunain baten neue Muslime den Propheten ﷺ, ihnen einen Baum zu bestimmen, an den sie ihre Schwerter hängen könnten – so wie es die Götzendiener mit ihrem Baum taten. Sie meinten es nicht als Anbetung, für sie war es Brauch. Der Prophet ﷺ rief „Allahu Akbar!“ und sagte, sie hätten dasselbe gesagt wie das Volk Musas, als es forderte: Mach uns einen Gott, wie sie Götter haben. (Sunan at-Tirmidhi 2180, sahih)
Das waren gläubige Männer auf dem Weg in den Kampf für den Islam. Und trotzdem hat er sie deutlich korrigiert. Gute Absicht macht eine Sache nicht richtig – das ist der Kern, und er lässt sich ohne Streit erzählen.
Erwarte keine Einsicht beim ersten Gespräch. Diese Gegenstände hängen oft seit Jahrzehnten in Familien. Was schneller wirkt als jedes Argument: dass sie sehen, wie dein Kind selbst seine Dua spricht.
Streite nicht. Eine zerbrochene Beziehung überzeugt niemanden. Aber verschweigen ist auch keine Option – dafür ist die Sache zu ernst. Sag es einmal klar, freundlich und ohne Druck, und lass es dann wirken.
Und mach deinem Kind keine Angst. Ein Kind, das lernt, es sei ständig von Neid bedroht, wird ängstlich. Ein Kind, das lernt, Allah beschützt es und es darf Ihn selbst darum bitten, wird stark. Das ist derselbe Inhalt mit umgekehrtem Vorzeichen.
Häufige Fragen
Ist der böse Blick nur Aberglaube?
Nein. Er ist im Hadith ausdrücklich bestätigt. Was Volksglaube ist, sind die Schutzmittel dagegen.
Darf mein Kind ein Nazar-Armband tragen, wenn es nur Schmuck ist?
Wenn wirklich kein Schutzgedanke dahintersteckt, ändert das die Absicht – aber das Symbol bleibt eindeutig lesbar, und Kinder unterscheiden solche Feinheiten nicht. Wir raten davon ab.
Was tue ich, wenn ich glaube, mein Kind wurde getroffen?
Ruqya mit Quran ist der überlieferte Weg: Ayat al-Kursi, al-Falaq, an-Nas, dazu die Dua für Hasan und Husain. Und beschuldige niemanden – es weiß in der Regel selbst niemand, dass er es ausgelöst hat.
Muss ich Fotos meiner Kinder verstecken?
Wenn es dich beruhigt, spricht nichts dagegen. Zur Pflicht machen sollte man es nicht – der Prophet ﷺ hat Schutz gelehrt, nicht Verstecken.
Ab welchem Alter kann mein Kind das verstehen?
Das Sagen von MaschaAllah ab drei Jahren. Die Dua ab etwa fünf. Das Warum dahinter ab sieben oder acht.
Zum Schluss
Nimm das blaue Auge ruhig ab. Aber lass keine Lücke zurück – setz etwas an seine Stelle. Eine Dua am Abend, ein Tabarakallah beim Bewundern, Ayat al-Kursi vor dem Schlafen.
Möge Allah unsere Kinder bewahren und unsere Herzen frei halten von Neid. Amin 🤲
Zum Weiterlesen
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